Pflegeindikatoren - Freiheitseinschränkende Massnahmen (FEM)

Freiheitseinschränkende Massnahmen (FEM)

Definition

Freiheitseinschränkende Massnahmen (FEM) werden in der Fachliteratur als restriktive Massnahmen beschrieben: Dies sind Massnahmen, welche die Menschenrechte und die Freiheit der Bewegung, einschliesslich der Einschränkung der persönlichen Mobilität, verletzen können. Beispielsweise Beobachtung, Abgeschiedenheit (Reizabschirmung), Festhaltetechniken mittels Krafteinsatz, mechanische Fixierung, schnelle medikamentöse Beruhigung, Sedation sowie Verwendung von psychologischen Druckmitteln (National Institute for Health and Care Excellence, 2015; SAMW, 2015).

Relevanz

FEM werden unter anderem dann eingesetzt, wenn es darum geht, gefährlichen Situationen wie Stürze und Behinderung der therapeutischen Massnahmen, vorzubeugen (Kruger, Mayer, Haastert, & Meyer, 2013; Kwaliteitsinstituut voor de Gezondheidszorg CBO, 2001). Jedoch werden FEM teilweise häufiger angewendet, als unbedingt notwendig. Laut internationalen Publikationen, liegt die Prävalenz von FEM in Akutspitälern zwischen 3% bis 25%. Die grosse Spannbreite der Prävalenzraten wird erklärt durch die Verwendung von unterschiedlichen Definitionen der FEM sowie unterschiedliche Erhebungstechniken. Auch Unterschiede bezogen auf das Praxisfeld, den Patientenmix (case Mix) und die gesetzlichen Grundlagen beeinflussen das jeweilige Ergebnis (Kruger et al., 2013).

Um FEM zu reduzieren, empfiehlt die Leitlinie der Registered Nurses' Association of Ontario (2012) ausführliche Assessments und die Erwägung alternativer Massnahmen. Dabei wird besonders der Einsatz der Interventionen Deeskalation und Krisenmanagement empfohlen, bevor FEM angewendet werden.

FEM können für die Patientinnen und Patienten unerwünschte physische und psychische Folgen haben. Hier werden Folgen wie Inkontinenz, Dekubitus, Kontrakturen, Depression, Aggression oder Abnahme der kognitiven Fähigkeiten beschrieben (Hamers, 2009; Scherder, Bogen, Eggermont, Hamers, & Swaab, 2010). Weiter werden Patientinnen und Patienten in ihrer Autonomie und Würde beeinträchtigt (Bai et al., 2014; Kruger et al., 2013). Für das Pflegefachpersonal ist die Durchführung von FEM oft mit negativen Gefühlen wie Frustration und Schuld verbunden (Heinze, Dassen, & Grittner, 2012).

Mit dem Inkrafttreten des revidierten Kindes- und Erwachsenenschutzrechts am 1. Januar 2013 wurden in der Schweiz auf nationaler Ebene Gesetzesgrundlagen betreffend den Umgang mit bewegungseinschränkenden Massnahmen in Wohn- und Pflegeeinrichtungen festgelegt.

Im Schweizerisches Zivilgesetzbuch (Art. 383) sind folgende Voraussetzungen zur Einschränkung der Bewegungsfreiheit formuliert:

„Die Wohn- oder Pflegeeinrichtung darf die Bewegungsfreiheit der urteilsunfähigen Person nur einschränken, wenn weniger einschneidende Massnahmen nicht ausreichen oder von vornherein als ungenügend erscheinen und die Massnahme dazu dient:

  • eine ernsthafte Gefahr für das Leben oder die körperliche Integrität der betroffenen Person oder Dritter abzuwenden; oder
  • eine schwerwiegende Störung des Gemeinschaftslebens zu beseitigen.

Vor der Einschränkung der Bewegungsfreiheit wird der betroffenen Person erklärt, was geschieht, warum die Massnahme angeordnet wurde, wie lange diese voraussichtlich dauert und wer sich während dieser Zeit um sie kümmert. Vorbehalten bleiben Notfallsituationen.

Die Einschränkung der Bewegungsfreiheit wird so bald wie möglich wieder aufgehoben und auf jeden Fall regelmässig auf ihre Berechtigung hin überprüft.“ https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/19070042/index.html#a383

In Hinblick auf die neuen gesetzlichen Grundlagen hat auch die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) ihre Richtlinien zu Zwangsmassnahmen in der Medizin überarbeitet (SAMW, 2015). Für die Entwicklung des Fragebogens „Freiheitseinschränkende Massnahmen“, welcher in der nationalen Prävalenzmessung in der Schweiz zur Anwendung kommt, wurde auch auf die Richtlinie der SAMW zurückgegriffen.

Prävalenzmessung

Die nationale Prävalenzmessung gibt Einblick in die Häufigkeit von FEM, rückblickend über einen Zeitraum von 30 Tagen, am jeweiligen Stichtag der Messung. Dabei werden auch die Art der Massnahme (z.B. mechanische Methoden, medizinische/medikamentöse Massnahmen etc.), der Grund für die FEM sowie allfällige Begleitmassnahmen erfasst. Ferner wird auf Spital- und auf Stationsebene eine Anzahl von Strukturindikatoren erhoben. Die Ergebnisse der Messung ermöglichen dem Spital eine Standortbestimmung zur Qualität bzw. können aufzeigen, in welcher Hinsicht ein Spital Verbesserungen erzielen kann. Die jährlichen Messungen ermöglichen es, die Wirkung eingeleiteter Massnahmen zu evaluieren.

Bibliographie

  • Bai, X., Kwok, T. C., Ip, I. N., Woo, J., Chui, M. Y., & Ho, F. K. (2014). Physical restraint use and older patients' length of hospital stay. Health Psychol Behav Med, 2(1), 160-170. doi:10.1080/21642850.2014.881258
  • Hamers, J. P. H., M.J.M. Gulpers, M. Bleijlevens, A.R. Huizing, E.J. Scherder, H. Houweling and E. Van Rossum. (2009). Het reduceren van vrijheidsbeperking in verpleeghuizen. Tijdschrift voor Ouderengeneeskunde, 34, 156-159.
  • Heinze, C., Dassen, T., & Grittner, U. (2012). Use of physical restraints in nursing homes and hospitals and related factors: a cross-sectional study. J Clin Nurs, 21(7-8), 1033-1040. doi:10.1111/j.1365-2702.2011.03931.x
  • Kruger, C., Mayer, H., Haastert, B., & Meyer, G. (2013). Use of physical restraints in acute hospitals in Germany: a multi-centre cross-sectional study. Int J Nurs Stud, 50(12), 1599-1606. doi:10.1016/j.ijnurstu.2013.05.005
  • Kwaliteitsinstituut voor de Gezondheidszorg CBO. (2001). Richtlijn vrijheidbeperkende interventies in de zorg.
  • National Institute for Health and Care Excellence. (2015, May 2015). Violence and aggression: short-term management in mental health, health and community settings. Retrieved from www.nice.org.uk/guidance/ng10/resources/violence-and-aggression-shortterm-management-in-mental-health-health-and-community-settings-1837264712389
  • Registered Nurses' Association of Ontario (RNAO) (2012). Promoting Safety: Alternative Approaches to the Use of Restraints. Retrieved from Registered Nurses' Association of Ontario: rnao.ca/bpg/guidelines/promoting-safety-alternative-approaches-use-restraints
  • SAMW. (2015). Zwangsmassnahmen in der Medizin. Retrieved from Bern: www.samw.ch
  • Scherder, E. J., Bogen, T., Eggermont, L. H., Hamers, J. P., & Swaab, D. F. (2010). The more physical inactivity, the more agitation in dementia. Int Psychogeriatr, 22(8), 1203-1208. doi:10.1017/s1041610210001493

Nationale Prävalenzmessung Sturz, Dekubitus und Dekubitus Kinder